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Die Mitglieder des Vereins Freundeskreis Waldkrankenhaus Köppern e.V. unterstützen ehrenamtlich Patienten im Waldkrankenhaus durch Ausrichtung von Aktivitäten für und mit den Patienten. Mit diesen Mitteln tragen wir zum Abbau von Vorurteilen gegenüber psychisch Kranken und suchtmittelabhängigen Menschen bei und fördern deren Integration in die Gesellschaft. Hier möchten wir mit Anderen in Kontakt treten!

Freundeskreis Waldkrankenhaus Köppern e.V.

Kompetent mit Menschen

Uncategorised

Friedrichsdorf. „LivingFriends“ (frei übersetzt: „Leben mit Freunden“) – so heißt das neue Projekt des Freundeskreis Waldkrankenhaus Köppern, das die bestehenden Angebote des Fördervereins von November an ergänzen wird. Konkret geht es dabei um die Schaffung von Wohngemeinschaften für Menschen mit Unterstützungsbedarf sowie deren Trägerschaft.

Der Freundeskreis Waldkrankenhaus Köppern feiert in diesen Tagen eine besondere Premiere: Am kommenden Dienstag (am 1. November 2016) wird im Stadtgebiet von Friedrichsdorf die erste Wohngemeinschaft (WG) des Fördervereins eröffnet und zwei Bewohnern ein neues Zuhause bieten. Das Angebot mit der Bezeichnung „LivingFriends“ richtet sich an Personen mit besonderem Unterstützungsbedarf, der von den derzeit 81 Vereinsmitgliedern ehrenamtlich erbracht wird, zum Beispiel in Form von Hilfestellung beim Umzug oder bei Behördenangelegenheiten. Vor der Implementierung des Angebots hat der Freundeskreis eigens seine Satzung angepasst. „Wir betreiben Wohngemeinschaften für hilfsbedürftige Personen mit Unterstützung durch den Verein“ lautet der Passus, der den bisherigen Vereinszweck – die Integration psychisch kranker und suchtmittelabhängiger Menschen sowie die Bewahrung des Andenkens an den Waldkrankenhaus-Gründer Professor Emil Sioli – um einen gänzlich neuen Aspekt erweitert.

Die Bewohner der ersten Freundeskreis-WG sind zwei Personen mittleren Alters mit speziellen biografischen Merkmalen. So bedeutet der Einzug für Robert Müller*, der bis dato im „Betreuten Wohnen“ eines sozialpsychiatrischen Vereins untergebracht war, einen großen Schritt hinein in ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben. Robert wird vom jetzigen psychosozialen Träger zwar zunächst weiter fachlich begleitet. Aber er wird in der „LivingFriends“-WG selbständiger leben können als in seiner bisherigen Bleibe, die er mit mehreren Mitbewohnern teilen musste. Anders Michael Schmidt*, der ebenfalls gesundheitliche Einschränkungen hat, arbeitssuchend ist und eine bezahlbare Wohnmöglichkeit finden musste. Beide gemeinsam profitieren von der Wohngemeinschaft, weil sie sich im Alltag gegenseitig unter die Arme greifen und zusätzlich auf die Unterstützung durch den Freundeskreis bauen können. Finanziert wird das Ganze durch die jeweiligen Kostenträger, die jedoch im Zusammenhang mit „LivingFriends“ ausschließlich für die Mietzahlungen aufkommen. Die Unterstützung durch den Freundeskreis Waldkrankenhaus Köppern hingegen ist mit keinerlei Kosten verbunden, sondern wird von dem Förderverein ehrenamtlich geleistet. Umgekehrt sind die beiden Mieter in den Freundeskreis eingebunden und dort ehrenamtlich aktiv.

Die erste „LivingFriends“-Wohnung liegt zentrumsnah im Friedrichsdorfer Stadtgebiet und verfügt auf rund 90 Quadratmetern über vier Zimmer, eine Küche, ein Badezimmer sowie einen Gemeinschaftsraum. Für die Bewohner ist die Nähe zur Stadtmitte von besonderer Bedeutung. Dadurch sind Ladengeschäfte ebenso fußläufig zu erreichen wie Arztpraxen oder Apotheken, aber auch öffentliche Verkehrsmittel, Freizeit- und Kultureinrichtungen.

„Wir sind stolz darauf, mit ´LivingFriends` ein weiteres innovatives Projekt zu starten, das aus der Sicht von hilfsbedürftigen Menschen ein wichtiger Baustein sein kann auf dem Weg zurück in ein eigenständiges Leben. Dadurch komplettiert der Freundeskreis sein Angebot für Menschen in besonderen Lebenslagen, das sich bisher hauptsächlich auf stationäre Patienten im Waldkrankenhaus konzentrierte. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter und denken bereits darüber nach, ´LivingFriends` auszubauen“, so der erste Freundeskreis-Vorsitzende, Damian Bednorz.

Info unter www.emil-sioli.de

*Die Namen der beiden Bewohner erscheinen aus Gründen des Daten- und Persönlichkeitsschutzes anonymisiert.

Professor Dr. Emil Sioli

Leben und Wirken eines Psychiaters

 

 

Vortrag vom 22. März 2004

im Rathaus Friedrichsdorf

 

 

 

von Werner Bierschenk

Geschäftsführer

Zentrum für Soziale Psychiatrie Hochtaunus gGmbH

 

für den

Arbeitskreis Friedrichsdorfer Geschichte


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Professor Dr. Emil Sioli

29.07.1852 – 16.06.1922 


Wer meint, dass der Name Sioli nicht unbedingt deutsch klingt, der hat recht. Der Name klingt eher italienisch, und so ist denn auch, die Vorfahren von Emil Sioli stammten aus dem Ort Solare in Oberitalien, welcher im Laufe der Geschichte auch zeitweilig zu Österreich gehörte. 

Die Mutter von Sioli, Dorothee Elisabeth Sioli, geb. Schröder, sie lebte von 1811 bis 1885, wird als eine zarte, fleißige und sparsame Frau beschrieben, die allerdings am Ende ihres Lebens durch ihren gesamten Vermögensverlust, auf den ich noch zu sprechen komme, sehr verbittert war.

Der Vater von Sioli, Franz Maria Eberhardt Sioli, er lebte von 1806 bis 1882, war als 9jähriges Kind zusammen mit seinem Bruder nach Italien in ein Kloster gebracht worden, von wo er floh und 1823 zu seiner Familie nach Halle zurückkehrte. Er wird als ein hoch intelligenter, aber unruhiger Brausekopf mit zahlreichen, zum Teil phantastischen Ideen, beschrieben, die allerdings nicht immer den gewünschten Erfolg hatten. Beruflich war er vielseitig und dabei unstet. Er war zunächst preußischer Offizier und versuchte sich dann in einer von ihm errichteten Bierbrauerei als Brauer. Später erwarb er noch das Landgut Lieskau in der Nähe von Halle und wurde Bauer. Mit seinem Milchvieh und den von ihm ausgearbeiteten hygienischen Richtlinien trug er zur Verbesserung der Milchversorgung der Bevölkerung von Halle bei.

Seine Geschäfte waren jedoch nicht besonders erfolgreich und durch riskante geschäftliche Unternehmungen brachte er die Familie noch vor der Geburt seines Sohnes Emil Franz Sioli um das gesamte Familienvermögen.

Emil Franz Sioli wurde am 29. Juli 1852 auf dem Landgut Lieskau bei Halle geboren. Er war das jüngste von acht Kindern und sieben Jahre jünger als die nächstälteren Zwillingsbrüder. Auf Grund des Verlusts des Familienvermögens war seine Jugend von der knappen finanziellen Situation zu Hause überschattet und so war er gezwungen, während seiner gesamten Schul- und Studienzeit Geld dazu zu verdienen.


Landgut Lieskau

Emil Sioli besuchte zunächst in Halle die Bürgerschule und dann die Lateinschule der Franke’schen Stiftung. Dort legte er im Juli 1870 sein Abitur ab und trat dann als „Einjährig-Freiwilliger“ beim 27. Infanterieregiment ein und machte 1870/71 den Krieg gegen Frankreich mit.

Im Juni 1871 kehrte er zurück und immatrikulierte sich an der Universität in Halle für das Fachgebiet Medizin. Während seines Medizinstudiums interessierte sich Sioli auch für Mineralogie und so arbeitete er, um Geld zu verdienen, als Assistent am Mineralogischen Institut.

Seine besondere Neigung galt jedoch bereits in dieser Zeit der Anatomie, der er sich lebenslang verbunden fühlte. Am 30. Juli 1875, einen Tag nach seinem 23. Geburtstag, promovierte Sioli zum Doktor der Medizin.

Nach seiner Approbation im Jahre 1876 wäre Sioli seiner Neigung folgend am liebsten in die Anatomie gegangen. Allerdings wurde die Arbeit in den theoretischen Institutionen entweder gering oder gar nicht bezahlt. Er machte daher zunächst aus finanziellen Gründen Praxisvertretungen und finanzierte


mit den Ersparnissen aus dieser Tätigkeit einen halbjährigen Aufenthalt am Anatomischen Institut in Straßburg bei Wilhelm von Waldeyer-Hartz, der zu dieser Zeit einer der führenden Vertreter der Anatomie war. Dieser halbjährigen Arbeit in Straßburg folgten dann wieder Praxisvertretungen in Deutschland.

Anlässlich von Fortbildungsveranstaltungen lernte Sioli Carl Westphal kennen, den Leiter der Psychiatrischen Klinik der Charitè in Berlin. Dieser Kontakt zu Westphal und seiner Arbeit dürfte für Siolis Entscheidung, sich der Psychiatrie zu widmen, ausschlaggebend gewesen sein. Sioli übernahm dann zunächst im April 1877 eine Assistenzarztstelle in der Anstalt Nietleben bei Halle. Der Gründer dieser Anstalt, Heinrich Damerow, hatte hier sein Konzept der „relativ verbundenen Heil- und Pflegeanstalt“ realisiert und damit die deutsche Anstaltspsychiatrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beeinflusst.

Mit dem Konzept der „relativ verbundenen Heil- und Pflegeanstalten“ wurde die Aufteilung in die besser ausgestatteten Heilanstalten für die als heilbar angesehenen Irren und die schlechter ausgestatteten Pflegeanstalten für die chronisch Kranken aufgegeben.

Nach Heinrich Damerow wurde im Jahre 1866 Johann Moritz Koeppe neuer Leiter der Anstalt Nietleben. Er schaffte in der stationären Psychiatrie alle Zwangsmittel ab und als sein Mitarbeiter ab April 1877 erlebte Sioli hier erste Ansätze einer möglichst freizügigen Behandlung von Geisteskranken und ihrer Beschäftigung in ländlicher Umgebung.

Im Oktober 1877, bereits schon nach einem halben Jahr nachdem Sioli die Assistenzarztstelle in der Anstalt Nietleben angetreten hatte, bekam er die von ihm seit langen angestrebte Assistentenstelle bei Carl Westphal an der Psychiatrischen Klinik der Charitè in Berlin. Julius Raecke, ein späterer Assistent von Sioli berichtete, dass nach Erzählungen von Sioli die Jahre in Berlin die schönste Zeit seines Lebens gewesen sein soll.


Nach dreijähriger Tätigkeit verließ Sioli aus finanziellen Gründen die Charitè. Er hatte sich verlobt, wollte eine Familie gründen und benötigte eine sichere Existenzgrundlage. So begann er 1880 mit 28 Jahren als Oberarzt an der Irrenanstalt in Leubus in Schlesien. Die Anstalt bestand aus einer öffentlichen Heilanstalt mit 170 Betten und einer Pensionsanstalt für wohlhabende Kranke mit 44 Betten. Der damalige Leiter war Paul August Wilhelm Jung, der ebenfalls die Zwangsbehandlung abgeschafft hatte, so dass Sioli in Nietleben, Berlin und Leubus die freizügige Behandlung von Geisteskranken ohne Zwangsmittel kennenlernte.

Im Jahre 1881 heiratete Sioli in Magdeburg die am 26. Mai 1858 geborene Pfarrerstochter Klara Adele Luise Storch, genannt „Clärchen“. Aus ihrer Ehe gingen vier Kinder hervor. Es waren dies der Sohn Franz (geb. 1882), der Sohn Karl (geb. November 1883), die Tochter Klara (geb. 8.12.1884) und der Sohn Angelo (geb. 7.6.1888). 

Emil Sioli mit Frau Klara

1882 erhielt Sioli die Leitung der ebenfalls in Schlesien gelegenen Anstalt Bunzlau, die 1863 als Heil- und Pflegeanstalt mit 400 Betten nur für „chronisch und gemeingefährliche Irre“ eröffnet worden war. 1869 waren in dieser  Einrichtung die ersten sogenannten „Koloniehäuser“ als Vorläufer einer agricolen Colonie für chronisch Kranke in Betrieb genommen worden, damit die Patienten in der Landwirtschaft arbeiten konnten. Als Direktor der Anstalt stürzte sich Sioli mit Feuereifer auf die anstehenden Probleme. Er kämpfte gegen die schlechten Ernährungsbedingungen und führte 1886 die damals in Deutschland noch wenig bekannte Familienpflege ein.


Sioli blieb nur sechs Jahre bis 1888 in der Anstalt Bunzlau. Am 1. November 1888 wurde er im Alter von 36 Jahren als Nachfolger von Heinrich Hoffmann als Direktor der Frankfurter „Anstalt für Irre und Epileptische“ eingestellt, nachdem ihm durch Beschluss der städtischen Gremien sowohl die ärztliche wie auch die Verwaltungsleitung der Anstalt garantiert worden war.

Um das Wirken von Sioli in Frankfurt und Friedrichsdorf würdigen zu können, ist es zunächst erforderlich, sich etwas mit der Geschichte der psychiatrischen Versorgung in Frankfurt am Main und der „Anstalt für Irre und Epileptische“ bis 1888 zu beschäftigen.

Geisteskranke wurden bis zum Mittelalter vielfach nicht als eine besondere Gruppe wahrgenommen, sondern zusammen mit Armen, körperlich Kranken und Straffälligen in Armenhäusern, Hospitälern und Gefängnissen untergebracht. Im Mittelalter war die Fürsorge für Arme und Geisteskranke überwiegend eine Aufgabe der Kirche und der Klöster, so auch in Frankfurt am Main. Diejenigen Irren, von denen keine Gefahr ausging, waren vermutlich sich selbst und ihrer Familie überlassen, gefährliche Irre wurden eingesperrt, von außerhalb stammende Geisteskranke dagegen über die Ortsgrenze abgeschoben, sobald sie Anstoß erregten oder andere gefährdeten. Der Schutz der Allgemeinheit stand an erster Stelle.

In Frankfurt am Main wurden im Mittelalter drei große Stiftungen gegründet: die „Stiftung des Hospitals zum heiligen Geist“, die „Stiftung des St. Katharinen und Weissfrauenstifts“ und der „Allgemeine Almosenkasten“. Die „Stiftung des Hospitals zum heiligen Geist“ und der „Allgemeine Almosenkasten“ stellten finanzielle Mittel zur Versorgung Geisteskranker bereit. Im Jahre 1477 richtete das Heilig-Geist-Spital erstmals eine Abteilung für Geisteskranke ein.


Der „Allgemeine Almosenkasten“ geht auf das Vermächtnis des Arztes Johann Wisebeder zurück, der 1428 sein Vermögen der Stadt Frankfurt am Main und nicht kirchlichen Stiftungen vermachte. Ab 1606 waren die Geisteskranken in Frankfurt am Main in einer eigenen Anstalt, dem sogenannten „Tollhaus“, untergebracht, das aus den Geldern des „Allgemeinen Almosenkasten“ finanziert wurde. 1780 erhielt das Tollhaus die Bezeichnung „Kastenhospital“

Kastenhospital

Mit der 1833 von der Stadt Frankfurt am Main verfassten „Allgemeinen Stiftungsordnung“ wurde eine bessere Koordination der Stiftungen untereinander, aber auch eine klarere Zuordnung der Aufgaben zu den einzelnen Stiftungen erreicht. Aus dieser Neuordnung ergaben sich zwei Konsequenzen: Das „Kastenhospital“ und die „Anstalt für Epileptische“ wurden 1834 zur „Anstalt für Irre und Epileptische“ vereinigt und in eine selbständige „öffentlich milde Stiftung“ mit eigener Verwaltungsordnung und einem eigenen Pflegeamt überführt.

Das alte „Kastenhospital“ mitten in der Stadt entsprach allerdings nicht mehr den Anforderungen von modernen psychiatrischen Anstalten, wie sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vielerorts errichtet wurden.


Heinrich Hoffmann

Es ist das Verdienst von Heinrich Hoffmann, der seit 1857 Ärztlicher Leiter der „Anstalt für Irre und Epileptische“ war, dass in den Jahren von 1859 bis 1864 eine neue „Anstalt für Irre und Epileptische“ vor den Toren von Frankfurt am Main am Rande des Grüneburgparks errichtet wurde. Zusammen mit dem Architekten Ernst Oskar Wunnibald Pichler fertigte Heinrich Hoffmann nach eingehenden Studien und Reisen die Pläne zu dem Neubau der „Anstalt für Irre und Epileptische“ an, die dann auf einer Basalthöhe nördlich der Stadt in einem schönen gotischen Baustil auf der Flur „Affenstein“ entstand. Im Mai 1864 zog Hoffmann mit 100 Patienten in den neuen märchenschlossartigen Prachtbau ein. Die Anstalt für „Irre und Epileptische“ wurde von den Frankfurter Bürgern nicht ohne Grund als „Irrenschloß“ auf dem „Affenstein“ bezeichnet. Es war ein imposanter und in seinen Funktionen gut durchdachter Gebäudekomplex. Die Anstalt wirkte weiträumig und es gab keine hohe Mauern. Die Hauptfront, die zur Stadt Frankfurt am Main hin lag, war extravaganten Landhäusern wohlhabender Bürger nachgebaut. Die hintere Einfahrt in den Hof mit den ausgedehnten Parkanlagen war wie eine Promenade mit einem Spalier von Bäumen gestaltet. Die Flurbezeichnung „Affenstein“ war der verballhornte Name der ursprünglichen Bezeichnung „Gewann Ave-Maria Stein“.

Anstalt für Irre und Epileptische, Frankfurt am Main

Ab 1870 nahm die Zahl der Frankfurter Einwohner dramatisch zu, die Aufnahmen in der neu errichteten „Anstalt für Irre und Epileptische“ auf dem Affenstein stiegen erheblich an, mit der Folge, dass die Anstalt bald zu klein war. Das führte dazu, dass ab 1877 ruhigere Geisteskranke ins Städtische Armenhaus verlegt, und als hier der Platz auch nicht mehr ausreichte, chronisch Kranke zum Teil in weit außerhalb der Stadt Frankfurt am Main gelegene Anstalten verlegt wurden. Im Jahr 1880 war die Anstalt mit 220 Patienten überfüllt.

Heinrich Hoffmann ging am 1. Juli 1888 nach 37jähriger Tätigkeit an der „Anstalt für Irre und Epileptische“ im Alter von 79 Jahren in den Ruhestand. Ihm gebührt der Verdienst, dass er mit der neu erbauten „Anstalt für Irre und Epileptische“ ein für damalige Zeit modernes psychiatrisches Krankenhaus geschaffen hatte.

Nach nur kurzer kommissarischer Leitung durch August Knoblauch übernahm – wie bereits schon erwähnt – Emil Sioli im Alter von 36 Jahren am 1. November 1888 als Direktor die Leitung der „Anstalt für Irre und Epileptische“.

Schon bei seinem Dienstantritt forderte Sioli für die chronisch Kranken eine „Irrencolonie“, da er aufgrund tabellarischer Übersichten über die stationären Aufnahmen und Entlassungen der „Anstalt für Irre und Epileptische“ innerhalb der letzten 25 Jahre überzeugt war, dass auch nach einem Umbau der vorhandene Platz nicht ausreichen würde. Am 1. Dezember 1888, einen Monat nach seinem Dienstantritt, legte er bereits sein Konzept für die Umgestaltung der „Anstalt für Irre und Epileptische“ vor.

Am 19. Dezember 1888 kam der 24jährige Alois Alzheimer aus Würzburg als Assistenzarzt in die „Anstalt für Irre und Epileptische“ und am 18. März 1889 nahm der 29jährige Franz Nissl auf der neu eingerichteten Stelle des zweiten Arztes – der zweite Arzt entspricht dem heutigen Oberarzt – seine Arbeit auf. In der Zusammenarbeit mit diesen beiden Ärzten entfernte Sioli alle in der Behandlung bisher verwendete Zwangsmittel, er erweiterte die Bettbehandlung und richtete eine Bäderbehandlung ein. Sioli, Nissl und Alzheimer gestalteten in der Folge die „Anstalt für Irre und Epileptische“ konsequent in eine moderne psychiatrische Anstalt um. In einer Veröffentlichung schreibt Alzheimer später folgendes darüber:


„Mit all den Zwangsmitteln, welche übermässige Vorsicht und Ängstlichkeit bei der Behandlung der Kranken hier noch länger in Gebrauch gehalten hatte als in den meisten anderen Orten, wurde in einem Tag aufgeräumt. In der Einführung eines intensiveren ärztlichen Dienstes, in der Einrichtung von Bettbehandlung, Wachsälen, in der Beschränkung und Vermeidung des Gebrauchs der Isolierzimmer, in der Einrichtung von Dauerbädern, in der Gewährung möglichster Freiheiten an die Kranken ist Sioli mit den fortgeschrittensten Anstalten gegangen“.

        
Alois Alzheimer

Sioli, Alzheimer und Nissl erzielten so einen durchschlagenden Effekt bei der Behandlung von Erregungsständen. Mit diesen beiden Mitarbeitern hatte Sioli darüber hinaus optimale Voraussetzungen, um anatomische und psychiatrische Forschung zu verknüpfen und er machte mit ihnen die Klinik wissenschaftlich zu einer der führenden psychiatrischen Einrichtungen seiner Zeit. Neben vielen wissenschaftlichen Veröffentlichungen von Sioli ist auch noch heute seine Arbeit von 1885 „Über direkte Vererbung von Geisteskrankheiten“ von Interesse. Nach und nach machte sich das Triumvirat

 

Franz Nissl

Sioli, Nissl und Alzheimer auch auf wissenschaftlichen Kongressen einen Namen, sie lieferten glänzende Vorträge und trugen durch gescheite Diskussionsbeiträge zum Fortschritt ihrer noch jungen Wissenschaft bei.


Aufgrund seiner Erfahrungen in Frankfurt am Main betonte Sioli die unterschiedlichen Anforderungen an die Versorgung psychiatrischer Patienten in großstädtischen und ländlichen Gebieten. Er forderte für Frankfurt am Main gemeindenahe Versorgungseinrichtungen, insbesondere auch für Alkoholiker. Seiner Meinung nach war eine schnelle, von allen Formalitäten freie Aufnahme die Voraussetzung für eine adäquate Versorgung psychiatrischer Patienten, denn die Aufnahmemodalitäten in Frankfurt am Main und in Hessen insgesamt zögerten immer wieder notwendige Behandlungen hinaus.

Therapeutisch war die Gruppe der Alkoholkranken ein großes Problem, sie stellte neben den Epileptikern die Gruppe mit den häufigsten stationären Wiederaufnahmen dar. Sioli versuchte, mit unterschiedlichen Methoden die Abstinenz seiner Patienten zu erreichen, da die Unzulänglichkeit der Anstaltsbehandlung erschreckend deutlich wurde. Er forderte und förderte die völlige Abstinenz bei Patienten und Pflegepersonal. Dazu muss man wissen, dass bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts leichte alkoholische Getränke wie Bier oder Kwas, ein vergorener Brotsaft, durchaus gebräuchliche alkoholische Getränke für Personal und Patienten waren. Sioli baute in der „Anstalt für Irre und Epileptische“ nach heutiger Terminologie die Beschäftigungs- und Arbeitstherapie aus und wurde nicht müde, auf die Dringlichkeit einer „ländlichen Kolonie“ hinzuweisen.

In Zusammenarbeit mit dem Abstinenzverein „Blaues Kreuz“ wurden von ihm Gruppen entsprechend den heutigen „Anonymen Alkoholikern“ eingerichtet. Zusätzlich versuchte Sioli, für besonders gefährdete Patienten nach der Entlassung eine Wohnung anzumieten, damit sie sich erfolgreicher eine Arbeit suchen und wieder Fuß fassen konnten.

Eine weitere große Aufgabe für die großstädtische Irrenfürsorge war nach Auffassung Siolis die Sorge für psychisch auffällige Jugendliche, die ab 1900 zunehmend in die „Anstalt für Irre und Epileptische“ eingewiesen wurden. Er zog daraus die Konsequenz und richtete 1906 eine eigene Abteilung für zehn bis zwölf überwiegend männliche Jugendliche ein – die erste kinder- und jugendpsychiatrische Abteilung Deutschlands im Rahmen einer solchen Anstalt.


Die ständige Überfüllung der „Anstalt für Irre und Epileptische“ führte bei den Aufsichtsbehörden zu Beanstandungen. Um hier Abhilfe zu schaffen, verhandelte die Stadt Frankfurt am Main ab 1892 mit dem Kommunalverband Wiesbaden über den Bau einer weiteren Irrenanstalt. Sioli veröffentlichte zu diesem Problem seine Ansichten. Seiner Meinung nach sollte die Aufgabe dieser neuen Anstalt darin bestehen

„....alle die Kranken der hiesigen Anstalt abzunehmen, die hier nicht mehr zweckmäßig untergebracht sind. Dies sind die Reconvalescenten, ferner solche Besserungsfähige, bei denen man durch zweckmäßige Beschäftigung im Freien eine schnellere Besserung erhofft, sodann alle chronischen Kranken, bei denen zu befürchten steht, dass eine Unheilbarkeit des Leidens eintritt“.

Dem Drängen von Sioli, aus Kapazitätsgründen aber auch aus Gründen eines eigenen Behandlungskonzeptes für chronisch Kranke eine „Irrencolonie“ in Form eines Landgutes zu schaffen, das einerseits hinreichend weit von der Stadt entfernt ist, um die Kranken nicht der Belästigung durch die Neugier des großstädtischen Publikums auszusetzen, und das andererseits in der Nähe einer nicht über zwei Meilen von Frankfurt am Main entfernten Bahnstation liegen sollte, um den Angehörigen den Besuch zu erleichtern, wurde seitens der Stadt Frankfurt am Main am 25. Oktober 1895 mit der Eröffnung der sogenannten „Filiale A“, dem „Prächtershof“, in Frankfurt am Main in Bornheim in der Scheidswaldstraße 32 nachgegeben. Hier sollten bis zu 50 ruhige Geisteskranke - vorwiegend Epileptiker - unter Aufsicht eines Assistenzarztes untergebracht werden. Noch im Jahr 1895 wurden 24 Männer und 14 Frauen hierhin verlegt.


Zur weiteren Entlastung der in Frankfurt am Main nicht ausreichenden Unterbringungskapazitäten für Geisteskranke wurde 1897 entgegen der Empfehlung Siolis die „Landesheil- und Pflegeanstalt“ in Weilmünster mit 500 Betten erbaut, ungefähr 40 km von Frankfurt am Main entfernt, mit eigener ärztlicher Leitung. Sioli hatte eine näher bei der Stadt gelegene „agricole Colonie“ bevorzugt. Weilmünster diente der Versorgung von als unheilbar eingeschätzten Patienten, so dass die Einrichtung weniger als Landesheilanstalt, sondern mehr als Pflegeanstalt fungierte. Darum kam es trotz der Eröffnung nicht zu der erhofften Entlastung der „Anstalt für Irre und Epileptische“ in Frankfurt am Main. Außerdem setzten sich häufig Patienten und Angehörige wegen der schlechten Eisenbahnverbindung von Frankfurt amMain nach Weilmünster zur Wehr.

Sioli plante nach wie vor eine „agricole Colonie“, denn die Hauptanstalt wurde zunehmend von größeren Gebäuden eingeengt, und die Kranken konnten nicht mehr in genügendem Umfang mit landwirtschaftlichen Arbeiten beschäftigt werden. Mit dem Vorhaben einer „agricolen Colonie“ sollten aber nicht nur die Belegungsprobleme gelöst werden, damit war auch ein soziales und therapeutisches Anliegen verbunden. Die Arbeit in der Landwirtschaft sollte eine Art Gegengewicht zu den „Verwirrungen des Geistes“ darstellen und die Strukturierung des Tagesablaufs mit körperlicher Arbeit, regelmäßigen Mahlzeiten und Zerstreuungen am Wochenende sollten ihren heilsamen Einfluß unterstützend entfalten. Bei den Patientengruppen sollten vor allem die Alkoholiker berücksichtigt werden. Nach dem Konzept einer „agricolen Colonie“ sollten psychisch Kranke nicht nur mit landwirtschaftlichen Arbeitenbeschäftigt werden. Es war auch ein Einsatz im industriellen Bereich, zum Beispiel in der Brauerei und in der Masttierzucht, vorgesehen. Ergänzend kamen verschiedene handwerkliche Tätigkeiten als Schmied, Tischler, Maurer und Zimmermann hinzu.

Als Vorteile einer „agricolen Colonie“ wurden die Einsparung von Medikamenten, die bessere Ernährung der Patienten und der wirtschaftliche Nutzen dargestellt. Die vielfältigen Beschäftigungsmöglichkeiten würden einen Ausgleich zur Monotonie des Anstaltsleben bilden, die Patienten wirkten zufriedener, lebhafter und interessierter.


Die Arbeit an der frischen Luft in einer landschaftlich schönen Umgebung war bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als positive Stimulans für Irre empfohlen worden. Die Einstellung dazu, ob eine „agricole Colonie“ die bessere oder die schlechtere Versorgungsform als die klassische Irrenanstalt sei, entwickelte sich zu einem Schulenstreit, der die Psychiater in zwei Lager spaltete. Ihre Anschauung über die Leistungsfähigkeit der arbeitenden Patienten ging weit auseinander.

Nach längerem vergeblichen Suchen fand dann auch Sioli mit der Hüttenmühle im Köpperner Tal einen aus seiner Sicht geeigneten Standort als Dependance zur Erweiterung der „Anstalt für Irre und Epileptiker“ in Frankfurt am Main. Die Hüttenmühle wurde um das Jahr 1570 erbaut und ist mit ziemlicher Sicherheit meine der ältesten Köpperner Mühlen. Das Baujahr geht aus einem alten Erbleihbrief hervor. Sie war ursprünglich eine Getreidemühle, wechselte häufig

Hüttenmühle

ihre Besitzer, verfiel und wurde um das Jahr 1690 als Papiermühle von einem Müller Herbert aus Cleeberg wieder in Betrieb genommen, der sie 1703 an einen Papiermüller namens Sebald Singeysen aus der Schweiz verkaufte. Sebald Singeysen war ein Vorfahre der noch heute in Köppern ansässigen Familien Sengeisen. Die weiteren Besitzer waren dann Johann Josef und danach Jakob Sengeisen. Nach weiteren vier Inhabern gelangte sie 1818 in den Besitz des Papiermüllers Heinrich Hüttenmüller, der sie von einem Buchhändler Brönner aus Frankfurt am Main erworben hatte. Im Jahre 1857 wurde die Mühle von Karl Hüttenmüller übernommen. Von diesem Inhaber rührt auch der Name „Hüttenmühle“ her.


Es war nicht zuletzt Siolis eigene Begeisterung, mit der er die Verantwortlichen im Magistrat und der Stadtverordnetenversammlung in Frankfurt am Main für

den Kauf der „Hüttenmühle“ überzeugte. Die Lage beschreibt er wie folgt:

„Die Lage des gekauften Grund und Bodens ist eine der schönsten um Frankfurt, zwar 27 km von der Stadt entfernt, am Südostabhang des Taunusgebirges 20 Minuten oberhalb des Dorfes Köppern, am Ausgang des romantisch gelegenen Köpperner Tales zu beidenm Seiten des Erlenbaches. Das Köpperner Tal erstreckt sich als einm schluchtenartiger Einschnitt von steilen Abhängen zweier Bergketten zum Teil mit felsigen Abstürzen eingefasst, von Westen nach Osten von der Lochmühle bis zur Hüttenmühle etwa 4 km lang und fällt in dieser Strecke etwa 100 Meter ab“.

Siolis Pläne verwirklichten sich am 23. Februar 1901, als der Magistrat der Stadt Frankfurt am Main der Stadtverordnetenversammlung den Eilantrag vorlegte,

„...sich mit der Erwerbung der Hüttenmühle bei Köppern im Taunus und des zur Arrondierung erforderlichen Geländes zum Zwecke der Erweiterung der „Anstalt für Irre und Epileptische“ einverstanden zu erklären und dafür den gesamten Kostenpreis von 151.000 Mark zu bewilligen.“

In der Begründung hieß es dazu:

„...wird sich unsere Stadt rühmen dürfen, dass sie die erste Gemeinde Deutschlands ist, die aus ihren Mitteln eine Anstalt für unbemittelte Nervenkranke errichtet. In dem reichen Kranz der Krankenanstalten Frankfurts wird eine neue hoffnungsreiche Blüte hinzukommen, und s wird in Zukunft für eine Zahl schwerer Kranker in befriedigender Weise gesorgt werden, denen bisher die gebührende Sorgfalt noch nicht gewidmet worden ist.“


Die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung stimmte der Beschlussvorlage nur drei Tage später bereits am 26. Februar 1901 zu. Schon einen Monat später - am 1. April 1901 – wurde die Klinik unter der Bezeichnung „Filiale B“ der Frankfurter „Anstalt für Irre und Epileptische“ mit sieben oder neun Patienten, einem Oberpfleger, der gleichzeitig die Landwirtschaft leitete, einer Magd, zwei Knechten und zwei Wärtern in Betrieb genommen. Über die Anzahl der Patienten gibt es in den seinerzeitigen Unterlagen unterschiedliche Angaben. Die „Filiale B“ wurde - wie geplant - von der Hauptanstalt in Frankfurt am Main, die Emil Sioli leitete, ärztlich betreut. Das Behandlungskonzept war von den Reformansätzen liberaler Anstaltspsychiatrie geprägt. Zu den ersten Aufgaben gehörte die Bewirtschaftung des Geländes.

1904 und 1906 wurden zur Erweiterung der „Filiale B“ parallel zu den Bahnschienen zwei Fachwerkbaracken errichtet. Damit sollte Platz für 13 weitere Patienten geschaffen werden. Nach der Fertigstellung der zweiten Fachwerkbaracke im Herbst 1906 hatte die „Filiale B“ Platz für 38 bis 39 Patienten und war damit fast so groß wie die „Filiale A“.

 

 


Mit der Gründung der „agricolen Colonie“ in Köppern war Siolis langgehegter Wunsch in Erfüllung gegangen. Hier erlebten die Patienten ein Ausmaß an Freizügigkeit und Eigenverantwortung, wie es ihnen in der Hauptanstalt in Frankfurt am Main nicht zugestanden werden konnte. Köppern bot als Standort für eine „agricole Colonie“ günstige Voraussetzungen. Die landschaftlich schöne Lage entsprach Siolis Vorstellungen, und bereits 1895 war die Bahnstrecke zwischen Bad Homburg und Usingen eröffnet worden, so dass Köppern mit einem öffentlichen Verkehrsmittel relativ günstig erreichbar war. Am 1. Dezember 1900 hatte die Gemeinde Köppern 1.204 Einwohner. Köppern war durch die Einnahmen aus einem größeren Quarzit-Steinbruch und der Jagdverpachtung wohlhabend. Ab 1908 hatte der Ort einen hauptamtlichen Bürgermeister und ab 1909 einen eigenen niedergelassenen Arzt. Köppern war bereits Sitz einer anderen überörtlichen Einrichtung. So wurde 1906 in der 1580 erbauten Teichmühle ein Erholungsheim für mittlere Justizbeamte Deutschlands gegründet, das jedoch nicht die erhoffte Entwicklung nahm, so dass sich hier zunächst ein Ausflugslokal und ab 1910 eine Fliegerschule etablierte. 1919 wurde die Teichmühle ein Teil der Köpperner Anstalt.

Fachwerkbaracken

Zwischenzeitlich war Sioli 1907 vom „Preußischen Ministerium der Geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten“ zum Professor ernannt worden, ein Ausdruck der Anerkennung, die ihm für seine praktische und wissenschaftliche Arbeit zuteil wurde.

Es musste jedoch sehr bald erkannt werden, dass weder die „Filiale A“, der Prächtershof in Bornheim, noch die „Filiale B“, die Anstalt in Köppern, und auch nicht die Heil- und Pflegeanstalt in Weilmünster, die nicht von Sioli geleitet wurde, die notwendige und gewünschte Entlastung für die Hauptanstalt in Frankfurt am Main, die „Anstalt für Irre und Epileptische„ brachte.

Sioli strebte deshalb in Köppern eine erweiterte Filiale der Frankfurter „Anstalt für Irre und Epileptische“ an. Geisteskranke, Epileptiker, Alkoholiker, Patienten nmit Lähmungen und Nervenkranke sollten hier behandelt werden. Außerdem plante Sioli teilstationäre Nachsorgeeinrichtungen und betreute Wohnungen.


Nach den von Sioli am 21. Mai 1908 der Stadtverordnetenversammlung Frankfurt vorgelegten Plänen, sollte sich die Anlage in Köppern in zwei räumlich voneinander getrennte Abteilungen gliedern. Für Geisteskranke sollten auf dem südlich der „Hüttenmühle“ liegenden Heideland, dem sogenannten „Neuefeld“, vollständig eingefriedet insgesamt vier Landhäuser errichtet werden, und zwar zwei Landhäuser für je 24 Patienten und zwei Landhäuser für je 15 Patienten. Männer- und Frauenabteilungen sollten voreinander getrennt sein.

Für Nervenkranke sollten zwei Landhäuser für je 24 Patienten auf der Anhöhe nordöstlich der „Hüttenmühle“ errichtet werden.

In den bestehenden Gebäuden der Hüttenmühle sollte durch An-, Aus- und Umbau die Küche erweitert, eine Waschküche mit Bügelstube eingerichtet und Platz für Ärzte und Personal geschaffen werden.

Von seiten der Stadt Frankfurt am Main gab es wegen der Baukosten, aber auch wegen der zu erwartenden Folgekosten, Widerstände gegen das Vorhaben. Obwohl Sioli sein Konzept schon am 21. Mai 1908 der Stadtverordnetenversammlung vorgelegt hatte, das am 28. November des gleichen Jahres in der Magistratssitzung behandelt wurde, wurde das Thema erst ein Jahr später in der Magistratssitzung am 21. Dezember 1909 erneut aufgegriffen und diskutiert. Die Sitzungsniederschrift sagt hierzu folgendes aus:

„Die Vorlage kann erst jetzt erfolgen, weil vorher die erforderlichen Grundstücke zur Arrondierung des Anstaltsgeländes erworben werden mussten und das Gelände selbst in mehrjähriger Arbeit, die von den Pfleglingen der Anstalt geleistet wurde, für die Zwecke der Bebauung hergerichtet werden musste und längere Verhandlungen prinzipieller Natur geraume Zeit beanspruchen“.

Diese Formulierung lässt allerdings eher vermuten, dass es der Stadt Frankfurt am Main mit dem Projekt nicht eilte, allenfalls hatten vielleicht die Mitglieder des Magistrats Sioli gegenüber ein schlechtes Gewissen.


In der Magistratssitzung vom 21. Oktober 1910 wurde dann die ursprüngliche Vorlage durch den Entwurf für ein Verwaltungs-, Maschinen- und Wirtschaftsgebäude ergänzt, so dass die errechneten Kosten für die neue Anstalt in Köppern schließlich bei 1.022.000 Mark lagen. Aus dem Protokoll der Magistratssitzung geht nicht hervor, ob diese Erweiterung von Sioli oder einem der Magistratsmitglieder ausging. Fest steht jedoch, dass Sioli hervorragend argumentiert haben muss, um seine Pläne in dieser Form durchzubringen.

1911 wurde mit dem Bau nach den Entwürfen und unter der Leitung des Magistratsbaurates Regierungsbaumeister Karl Wilde begonnen, die örtliche Bauleitung hatte der Architekt Woltmann.

Landhaus 1

Errichtet wurden insgesamt sechs Landhäuser, je zwei nach dem gleichen Grundriss mit Keller, Erdgeschoss, erstem Obergeschoss und Dachräumen. Die Fenster blieben ohne Gitter, und die Grundstücke ohne Zäune. Sioli verzichtete auf die bei Irrenanstalten früher üblichen Sicherheitsmaßnahmen. Die Kellerräume sollten teilweise als Werkstätten für die Beschäftigung der Patienten eingerichtet werden. Außerdem waren hier auch Laborräume für Ärzte vorgesehen. Erdgeschoss und erster Stock sollten ausschließlich den Patienten vorbehalten sein. Sie enthielten Schlafsäle oder Einzelzimmer, Tages- und Aufenthaltsräume, Teeküchen, Bäder, Toiletten, Garderoben, aber auch Isolierzimmer.


In der Magistratssitzung vom 13. Juni 1913 mussten die Baupläne für die Köpperner Anstalt erneut behandelt werden, da bis dahin keine ärztlichen Räume berücksichtigt waren. Außer den Landhäusern für die Patienten wurde noch an der Talstraße das Verwaltungsgebäude mit einer Wohnung für den Verwaltungsleiter und ein Wirtschaftsgebäude mit Heizung, Wäscherei, Küche und Nebenräumen errichtet. Es stand zwischen dem neuen Verwaltungsgebäude und dem alten Wohnhaus der „Hüttenmühle“. Zwei Brunnen im Bereich der Buchenwiese zwischen Hütten- und Walkmühle versorgten die gesamte Anstalt mit Trinkwasser, das in einen Hochbehälter am oberen Ende des „Neuen Feldes“ gepumpt wurde und von dort aus dem natürlichen Druckgefälle entsprechend die einzelnen Häuser versorgte. Gegenüber dem Landhaus 1 wurde das sogenannte Oberarzthaus für den vor Ort tätigen Oberarzt errichtet.

Im November 1913 wurde die erweiterte Anstalt in Köppern mit ca. 130 Betten fertiggestellt und mit Patienten aus Frankfurt am Main belegt. Die beiden Abteilungen der Anstalt trugen als Vorgänger des heutigen „Waldkrankenhauses Köppern“ die gemeinsame Bezeichnung „Köpperner Anstaltsverwaltung Hüttenmühle – Neuefeld“. Gegenüber den bei der Planung 1910 geschätzten Baukosten in Höhe von 1.022.000 Mark beliefen sich die tatsächlichen im Jahre 1913 auf 1.031.000 Mark.

Broschüre von Sioli

Über den Bau der neuen Anstalt in Köppern verfasste Sioli die Broschüre „Die neuen Heilanstalten Neuefeld und Hüttenmühle für psychisch Kranke und Nervöse der Stadt Frankfurt am Main im Köpperner Tal“, die im Druck von Voigt & Gleiber 1913 erschienen ist. Die Rahmenbedingungen für die Behandlung von Patienten in der Anstalt Köppern hat Sioli in dem „Spezialbericht über die Filiale Köppern 1905/06“ wie folgt formuliert:

1. Völlige Abstinenz von geistigen Getränken

2. Nichtverlassen des Anstaltsgebietes außer mit besonderer Erlaubnis des Direktors

3. Unterschiedslose Beteiligung an allen notwendigen und dem Einzelnen zugeteilten Arbeiten

4. Wöchentliches Taschengeld von -,30 Mark, welches jedoch nicht zur Auszahlung gelangte, sondern jedem Kranken gutgeschrieben und bei seiner Entlassung ausgezahlt wurde, damit der Kranke bis zur Erlangung von Arbeit vor Existenznot geschützt war.


Mit diesem Konzept sollte den Patienten zunehmend Verantwortung für ihr Leben übertragen werden und trotz der auch sichtbaren Aspekte von Disziplinierung sollte auch eine Anpassung an die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen vorgenommen werden.

Ein Vergleich der beiden „Filialen A und B“ zeigt, dass die Anstalt in Köppern personell und finanziell wesentlich besser ausgestattet war. Die Patienten erhielten eine deutlich bessere Verpflegung, und das Zahlenverhältnis zwischen Personalstellen und behandelten Patienten war zumindest in den Gründungsjahren günstiger. Auf der anderen Seite mussten die Patienten in der Anstalt Köppern körperliche Schwerstarbeit leisten und sparten damit dem öffentlichen Träger enorme Summen ein. Wenn auch immer wieder betont wurde, dass die „agricole Colonie“ in erster Linie zum Nutzen der Patienten eingerichtet worden war, so sollte andererseits die finanzielle Entlastung der öffentlichen Haushalte nicht vergessen werden. Sioli war es auch immer wichtig, die Kosten für die psychiatrische Versorgung, insbesondere in der „agricolen Colonie“, im Auge zu behalten. Die Hoffnung, dass diese Einrichtung sich finanziell selbst tragen könnte, erfüllte sich allerdings nicht. Gerade bei den Alkoholikern wollte Sioli „aus diesen nur zehrenden und verderbenden Elementen auch mit der Zeit nützliche“ machen. Hier zeigt sich, dass Fürsorge auch Ausdruck marktwirtschaftlicher Interessen sein kann. 

Sioli hatte damit seine über 25jährigen Pläne zur Gründung und Erweiterung der „agricolen Colonie“ in Köppern, die er mit Ausdauer und langem Atem verfolgt hatte, erfolgreich umgesetzt. Mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln hat er der Stadt Frankfurt am Main die Entscheidung für die Erweiterung der Anstalt abgerungen und damit psychiatrischen Patienten die Teilhabe an einem zukunftsweisenden Versorgungskonzept ermöglicht. Insgesamt wird deutlich, dass Sioli mit dem Konzept der „agricolen Colonie“ vom Zeitgeist geprägt war und bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit seiner Forderung nach semistationären und extramuralen Einrichtungen seiner Zeit auch weit voraus war. Hier war Sioli Vorreiter für komplementäre Einrichtungen, die selbst noch Mitte der 1970er Jahre in der Psychiatrie-Enquete (Bericht an den Deutschen Bundestag über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland) gefordert wurden und noch in dieser Zeit nur schleppend in das Versorgungsangebot für psychisch Kranke aufgenommen worden waren.

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 nahm für Sioli die Arbeitsbelastung enorm zu. Ein Teil der Ärzte und Pfleger in der Hauptanstalt in Frankfurt am Main und in der Anstalt in Köppern war zum Wehrdienst eingezogen worden, so dass die Patienten unter wesentlich schlechteren personellen und materiellen Bedingungen versorgt werden mussten. Mit der Eröffnung der Universität in Frankfurt am Main im gleichen Jahr erhielt Sioli am 14. August n1914 die Nachricht, „dass seine Majestät der Kaiser und König Allergnädigst geruht haben, Sie zum ordentlichen Professor in der Medizinischen Fakultät der Königlichen Universität zu Frankfurt am Main zu ernennen“. Gleichzeitig wurde mit der Gründung der Frankfurter Universität im Jahre 1914 die „Anstalt für Irre und Epileptische“ in „Städtische und Universitätsklinik für Gemüts- und Nervenkranke“ umbenannt.


Durch die Ernennung zum Ordinarius ergab sich die zusätzliche Verpflichtung, „die Psychiatrie in theoretischen und klinischen Vorlesungen zu vertreten“. Gleichzeitig wurde er zum „Direktor der Universitäts-Irrenklinik“ bestellt und erhielt im Juli 1916 zusammen mit Ludwig Edinger den damals innerhalb der preußischen Beamtenhierarchie üblichen Titel „Geheimer Medizinalrat“: Im  Wintersemester 1915/16 war Sioli Dekan der Medizinischen Fakultät.

Als regelmäßige Vorlesung bot Sioli die „Psychiatrische Klinik“ an und fakultativ dazu las er im Sommersemester 1915 „Zur Psychopathologie des Verbrechers“ und „Gerichtliche Medizin“. Sioli scheint jedoch seine Vorlesungsaktivitäten zunehmend wegen Arbeitsüberlastung eingeschränkt zu haben, da die beiden fakultativen Vorlesungen ab dem Wintersemester 1915/16 nicht mehr stattfanden. Seine letzte Vorlesung hielt Sioli im Sommersemester 1919, im Herbst des gleichen Jahres wurde er emeritiert. Er hatte die Altersgrenze erreicht.

Sein Schüler Raecke nennt nicht nur die offiziellen, sondern auch die persönlichen Gründe, die Sioli den Rückzug aus der Universität und dem Berufsleben erleichterten. So waren am 12. Januar 1918 seine Frau Klara und am 14. Dezember 1918 sein dritter Sohn Angelo verstorben und seine beiden ältesten Söhne Franz und Karl im Ersten Weltkrieg verwundet worden. Diese Schicksalsschläge machten die ersten Spuren zeitweiligen Nachlassens seiner Elastizität sichtbar. Er erschien bisweilen reizbar und launisch und kümmerte sich nicht mehr um die Einzelheiten. Er ließ manches, dessen Ausbau ihm früher am Herzen gelegen hatte, gleichgültig seiner Hand entgleiten.

Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches und dem politischen Umschwung, als die erbitterten Tarifkämpfe einsetzten und die politischen Forderungen nach einer berufsständischen Emanzipation des Pflegepersonals laut wurden, verlor er zeitweise das Vertrauen zu seinem Personal, das ihm nicht mehr seine jahrelangen Bemühungen um die Erhöhung der Gehälter und Vermehrung des Urlaubs zu danken schien, sondern fortgerissen von der allgemeinen Bewegung ganz neue Forderungen aufstellte.


Gerade Sioli, der immer Vorkämpfer für die Rechte der Unterdrückten und  Minderbegünstigten gewesen war und sich innerhalb eines patriarchalisch hierarchischen Systems sowohl für seine Mitarbeiter als auch für seine Patienten als eine Art Familienvater sah, fühlte sich durch diese schmerzlichen Erfahrungen gekränkt, und alles das wirkte zusammen, ihm seinen Abgang mit erreichter Altersgrenze zu erleichtern.

Kränkend für Sioli war auch hinzugekommen, dass ihm die Leitung der Anstalt in Köppern, die sein Lebenswerk war, noch vor seiner Pensionierung abgenommen und ab 1. Juli 1918 der in der Anstalt Köppern seit Februar 1914 tätige Oberarzt Max Meyer zum Ärztlichen Direktor bestellt wurde. Damit war die Anstalt in Köppern selbständig geworden und aus der Organisation der bisherigen Hauptanstalt in Frankfurt am Main herausgelöst worden.

Nach seiner Pensionierung schöpfte Sioli neuen Mut. Dank seines kämpferischen und ausdauernden Naturells nahm er die Pensionierung als neue Chance und Herausforderung. Bei seiner Abschiedsfeier betonte er, dass er jetzt einen neuen Lebensabschnitt beginnen und sich nicht zur Ruhe setzen werde. Sioli zog nach Dillingen, heute ein Ortsteil von Friedrichsdorf, und heiratete seine Nichte Helene Storch. Das von ihm in Dillingen erbaute und bewohnte Haus steht noch heute als „Villa Onneken“ in der Dillinger Straße 9.

Villa Onneken

Haus und Grundbesitz waren groß genug für Siolis Pläne, geisteskranke Pensionäre aufzunehmen. Er plante die Errichtung von Baracken auf dem Gelände, um nicht nur Platz für „privat zahlende Pensionäre“, sondern auch für Patienten der gesetzlichen Krankenkasse zu haben, eine „agricole Colonie en miniature“.


Doch dazu kam es nicht mehr. Sioli erkrankte an einer Embolie der rechten Beinschlagader, so dass ihm das Bein amputiert werden musste. Er verabschiedete sich von seinen Angehörigen auf dem Sterbebett mit denn Worten: „Ich habe ein glückliches Leben gehabt.

Sioli starb am 16. Juni 1922 und wurde auf dem Frankfurter Hauptfriedhof beerdigt.

Grabstein von Klara, Angelo und Emil Sioli

1993 wurde der vom Verfall bedrohte Grabstein Siolis restauriert und mit Unterstützung der Stadt Friedrichsdorf am 12. Mai 1993 im Rahmen einer Feierstunde mit Würdigung der Verdienste von Sioli auf dem Gelände des heutigen Waldkrankenhauses Köppern, der früheren „Neuen Heilanstalten Neuefeld und Hüttenmühle für psychisch Kranke und Nervöse der Stadt Frankfurt am Main im Köpperner Tal“ aufgestellt.

Gedenktafel Sioli
Grabstein und Gedenktafel Sioli

Im Jahre 2002 stellte die Familie Onneken Fragmente des ehemaligen Teehauses von Sioli, dass dieser um 1900 in seinem Garten in Friedrichsdorf- Dillingen errichtet hatte, dem Waldkrankenhaus Köppern zur Verfügung. Nach alten Plänen und Fotografien wurde das Teehaus vom Waldkrankenhaus Köppern originalgetreu rekonstruiert und auf dem Gelände des Krankenhauses in der Nähe des Sozialzentrums wieder aufgestellt. Am 5. Dezember 2003 erfolgte in einer Feierstunde die Übergabe des Teehauses von der Familie Onneken an das Waldkrankenhaus Köppern zur ständigen Bewahrung.


An den beiden Wirkungsstätten von Sioli in Frankfurt am Main und in Friedrichsdorf-Köppern tragen heute jeweils eine Straße seinen Namen. Es ist dies in Frankfurt am Main die Siolistraße, die von der Miquelallee Richtung Grüneburgpark abgeht, und in Friedrichsdorf-Köppern der im Waldkrankenhaus Köppern gelegene Emil-Sioli-Weg, der auch gleichzeitig die postalische Anschrift des Waldkrankenhauses Köppern ist. 

Das Waldkrankenhaus Köppern, ein Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Psychotherapie für die Versorgung des Hochtaunuskreises, und das Haus Bornberg, eine gerontopsychiatrische Tagesstätte für an Alzheimer und an Demenz Erkrankte, gehören heute zu dem Zentrum für Soziale Psychiatrie Hochtaunus gGmbH. Alleingesellschafter ist der Landeswohlfahrtsverband Hessen. Die Bezeichnung „Zentrum für Soziale Psychiatrie“ wurde bewusst gewählt. So markiert der Begriff „Soziale Psychiatrie“ ein Ziel, nicht eine bestimmte Methode oder ein besonderes Verfahren. Es handelt sich um eine Grundhaltung, die soziale Benachteiligung und Ausgliederung von Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen zu vermeiden bzw. zu verringern. Für dieses Ziel benutzt die Sozialpsychiatrie alle ihre bekannten Wege, von psychotherapeutischen Verfahren über medikamentöse Behandlung bis hin zum aktiven Sozialdienst. Das „Waldkrankenhaus Köppern“ im „Zentrum für Soziale Psychiatrie Hochtaunus gGmbH“ stellt damit in seiner Verpflichtung gegenüber dem Erbe seinen Gründers Professor Dr. Emil Sioli den psychisch kranken Menschen und dessen Behandlung und seine gesellschaftliche Integration in das Zentrum seines Handelns.

Wir, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Waldkrankenhauses Köppern, sind uns damit sicher, ganz im Sinne der sozialpsychiatrischen Ausrichtung des sehr von uns geschätzten Emil Sioli zu arbeiten.


Literaturverzeichnis

Sioli, Emil: Die Neuen Heilanstalten Neuefeld und Hüttenmühle für psychisch Kranke und Nervöse der Stadt Frankfurt am Main im Köpperner Tal, Druck Voigt und Gleiber, 1913 Frankfurt am Main

Brigitte Leuchtweis-Gerlach: Das Waldkrankenhaus Köppern (1901 – 1945) –nDie Geschichte einer psychiatrischen Klinik, 2001 Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main

Christina Vanja und Helmut Siefert: „In waldig – ländlicher Umgebung......“Das Waldkrankenhaus Köppern: Von der agrikolen Kolonie der Stadt Frankfurt zum Zentrum für Soziale Psychiatrie Hochtaunus, 2001 Euregio Verlag, Kassel

Konrad und Ulrike Maurer: Alzheimer – Das Leben eines Arztes und die Karriere einer Krankheit, 1998 Piper Verlag GmbH, München

 

von Prof. Dr. Gerald Schiller

Am 1. April 1901 kamen die ersten Patienten in die sog. „Filiale B“ der Frankfurter „Anstalt für Irre und Epileptische“. Bei der Filiale B handelte es sich um die Hüttenmühle im Köpperner Tal im Taunus, welche die Stadt Frankfurt nur wenige Wochen zuvor mit einer größeren Landfläche gekauft hatte.

Die ersten 7 Kranken waren – so der Terminus der damaligen Zeit – „Alkoholisten“, die durch landwirtschaftliche Arbeit an frischer Luft in der „agrikolen Kolonie“ bei Köppern ihre Gesundheit wiedererlangen sollten.
In der Regel wurden damals betrunkene Menschen, welche die Polizei auf der Straße festnahm, in Irrenanstalten eingewiesen, wo sie zwar unter medizinischer Aufsicht standen, aber keine spezielle Therapie erfuhren. Es ist vor allem dem großen Engagement des Direktors der Frankfurter Irrenanstalt, Dr. Emil Sioli (1852 – 1922), zu verdanken, dass Frankfurt zu den ersten Kommunen gehörte, die eine öffentliche Heilstätte für mittellose Alkoholkranke gründeten. Die Wahl des Standortes im landschaftlich schön gelegenen Köpperner Tal folgte einem naturheilkundlich beeinflussten therapeutischen Konzept, das um 1900 nicht nur die Psychiatrie, sondern auch andere Zweige der Medizin beeinflusste.

Für rekonvaleszente Alkoholiker galt landwirtschaftliche Arbeit als wichtigstes Therapeutikum. Dr. Emil Sioli plante jedoch mehr als eine
kleine Alkoholisten-Kolonie in einer bald um zwei Barackenbauten (1904-1906) erweiterten alten Mühle; von Anfang an hatte er den Plan, an diesem Ort eine größere Heilstätte für „Nervöse“ und „leicht psychisch Kranke“ zu errichten.
Wie der Alkoholismus so wurden auch Nervenleiden um 1850 erst allmählich zum Thema ärztlicher Therapie. Erste öffentliche Nervenheilanstalten entstanden erst nach  der Jahrhundertwende


Die Köpperner Anstalt gehörte zu den frühesten durch die öffentliche Hand finanzierten Gründungen für Nervenkranke. In den Jahren 1910 – 1913 wurden zusätzlich sechs Landhäuser (2 Häuser für Nervenkranke sowie 4 Gebäude für psychisch Kranke) errichtet, so daß schließlich 130 Betten in Köppern zur Verfügung standen. Im Jahr 1918 wurde die neue Anstalt unter einem eigenen ärztlichen Leiter gegenüber der Frankfurter Hauptanstalt unabhängig.

Mit Ausbruch des ersten Weltkrieges wurden der Nervenheilanstalt Aufgaben eines Reservelazaretts zugewiesen, in dem überwiegend psychisch kranke Soldaten versorgt wurden. Während der Zeit der Weimarer Republik diente die auf 200 Betten erweiterte Köpperner Einrichtung u.a. als Sanatorium und bezog die Teichmühle bei Köppern (Erwerb 1918) als Altersheim so wie das sog. Institut Garnier als Kinder- und später Erholungsheim für Frauen (Erwerb 1922) mit ein. Die Köpperner Einrichtung galt in dieser Zeit trotz verschiedener Investitionen als rückständig.

Mit dem Neubau der Universitätsnervenklinik in Frankfurt-Niederrad im Jahr 1930 sowie mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise geriet die Köpperner Anstalt mehr und mehr in wirtschaftliche Nöte. Der ärztliche Leiter der Einrichtung, Dr.Max Meyer, nahm auf Drängen der Stadt Frankfurt in 4 der 6 Landhäuser nur noch chronisch kranke und alte Menschen auf. Die Entlassung der jüdischen Ärzte auch in Köppern im Jahre 1933 trug dazu bei, daß die Nervenheilanstalt in Köppern einer neuen Bestimmung zugeführt wurde. 1934 übernahm die Frankfurter Stiftung „Hospital zum Heiligen Geist“ die Verwaltung der „Frankfurter Pflegeanstalt Köppern“ und versorgte hier etwa 250 alte Menschen aus der Großstadt. Um den Beginn des 2. Weltkrieges ging an die Stiftung die Anweisung, Teile der Köpperner Pflegeanstalt zu Lazarettzwecken freizumachen. Etwa 350 alte und häufig bettlägerige Pfleglinge wurden


daraufhin in andere Anstalten verlegt. Etwa die Hälfte dieser Menschen überlebte die Transporte nicht. 1943 änderte sich erneut die Funktion der Köpperner Einrichtung: die Pflegeanstalt wurde auf staatlichen Befehl zu den „Krankenhaussonderanlagen Aktion Brandt-Anlage Köppern“ umgebaut. Zwangsarbeiter aus einem nahegelegenen Arbeitserziehungslager bauten angelieferte Fertigbauteile zu Baracken zusammen, in denen zusammen mit den bereits vorhandenen Landhäusern ein Allgemeinkrankenhaus mit 550 Betten eingerichtet wurde. Die Verwaltung blieb beim Frankfurter „Hospital zum Heiligen Geist“, Chefarzt war damals der überzeugte Nationalsozialist Willi Gutermuth. Dr.Karl Brandt, Leibarzt Adolf Hitlers, leitete die Schaffung von Ausweichkrankenhäusern für bombardierte Großstädte. Vor allem chronisch psychisch Kranke und alte Menschen gerieten infolge der Umschichtungen zugunsten verletzter Soldaten und für die Kriegsindustrie wertvoller erkrankter Arbeitskräfte an den Rand aller Versorgungsmaßmahmen.

Die Forschung konnte in Einzeluntersuchungen den engen Zusammenhang zwischen einer Beschaffung neuen Raums zur Krankenversorgung und der Ermordung alter und behinderter Stammbewohner der betroffenen Häuser deutlich machen. Dabei ist der Nachweis eines gezielten Mordprogrammes für die „Aktion Brandt“ schwieriger als bei der „Aktion T4“. Im Rahmen der Aktion Brandt wurden in einer großen Zahl von Einrichtungen Menschen mit Hilfe von Überdosen an Medikamenten sowie über systematischen Nahrungsentzug getötet. Forschungsergebnisse legen den Verdacht nahe, daß in Köppern Medikamente missbräuchlich appliziert und Operationen verantwortungslos durchgeführt wurden. Transporte, welche älteren Köpperner Pflegebedürftigen oftmals zugemutet wurden, sowie die pflegerische Vernachlässigung der alten Bewohner bei deutlicher Nahrungsreduktion entsprachen dem damaligen politischen Willen, der nicht nur die Ermordung psychisch Kranker, sondern auch alter Menschen zum Ziel hatte.


Das 1943 eingerichtete Allgemeinkrankenhaus bestand auch nach Beendigung des 2.Weltkrieges fort. Die Klinik diente mit ihren gynäkologischen, chirurgischen, und internistischen Abteilungen sowie einer Infektionsabteilung der Versorgung der Taunusbevölkerung bis zum Bau des Nordwest-Krankenhauses in Frankfurt zu Beginn der 60er Jahre. 1967 übertrug die Stadt Frankfurt die Köpperner Einrichtung dem Landeswohlfahrtsverband zunächst leihweise, sodann (1973) ging sie ganz in das Eigentum des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen über. Seit 1967 ist das Waldkrankenhaus Köppern wieder eine psychiatrische Klinik. In den letzten Jahrzehnten kam es zu einem Bettenabbau bei Verbesserung des ambulanten und teilstationären Angebotes, zur Differenzierung des therapeutischen Angebotes sowie zur Bildung der Außenstelle Bamberger Hof 1976. 1998 schlossen sich die Fachkliniken für Psychiatrie und Psychotherapie Waldkrankenhaus Köppern in Friedrichsdorf und Bamberger Hof in Frankfurt am Main sowie das Haus Bornberg (gerontopsychiatrische Tagesstätte) in Köppern zum „Zentrum für Soziale Psychiatrie Hochtaunus gGmbH“ zusammen.

Seit dem 01.01.2000 beschränkt sich das Versorgungsgebiet des Waldkrankenhauses Köppern auf den Hochtaunuskreis mit ca. 230.000 Einwohnern, nachdem die Stadt Frankfurt am Main nun mit ortsansässigen Kliniken ihre psychiatrische Versorgung vor Ort leisten kann.

 

Als ich das Urteil erhielt und Sozialstunden aufgedonnert bekam, bekam ich auch gleichzeitig eine Liste mit verschiedenen Anlaufstellen.

 Da ich in Köppern wohnte, war natürlich die erste Anlaufstelle das Waldkrankenhaus.

Also stellte ich mich nach einer Terminvereinbarung vor, und mir wurde direkt gesagt, in der Gärtnerei sei nichts frei. GOTT SEI DANK, denn dafür schlug mir die nette Sekretärin vor, Kontakt mit dem Freundeskreis Waldkrankenhaus Köppern e.V. aufzunehmen, weil der Freundeskreis ein Internet-Café für die Patienten betreibe.

 So kam mein Erstgespräch mit Dieter Becker, dem Schriftführer und Vorstandsmitglied des Freundeskreises, zustande. Er erklärte, mir welche Aufgaben anfallen würden, wie zum Beispiel Staubsaugen, Toiletten mal putzen (toll dachte ich), Kaffee kochen und das Café allgemein in Schuss und ordentlich zu halten. Außerdem auch mal ein offenes Ohr für Patientenanliegen zu haben und auf Sie einzugehen. Er erinnerte mich daran, dass das Waldkrankenhaus ein psychiatrisches Krankenhaus ist und ich hauptsächlich für Patienten und Café da sein solle.

 Jetzt gehts los, mein erster Tag. Natürlich erst mal ein komisches Gefühl, aber es sollte besser kommen als angenommen, ich wurde direkt mit einer wirklich netten und vertrauensfördernden Art aufgenommen. Keinerlei Vorurteile oder ähnliches, nur wirkliche ehrliche Freundlichkeit und Entgegenkommen. COOL, wenn das so weiter geht, und so war es dann auch. Jeder, aber wirklich jeder, war hilfsbereit und wirklich freundlich.

 Mit jeder Aufgabe, sogar Toiletten putzen, gefiel mir die Aufgabe besser und besser. Ich komme mittlerweileile grundsätzlich eine Stunde früher, um in aller Ruhe Kaffee zu kochen, einmal die Woche Toiletten zu reinigen, zu saugen und einfach alles schön und sauber zu machen, damit sich Patienten und natürlich auch wir Mitarbeiter im Café wohlfühlen. Aber das ist noch lange nicht alles. Das Vertrauen ging relativ schnell soweit, dass ich den Schlüssel alleine holen durfte (obwohl ich noch kein Mitglied war) und das Café auch allein machen durfte. Das zeugt in meinen Augen von sehr viel Vertrauen, welches ich niemals enttäuschen würde. Es macht sogar Spaß, von meinem eigenen Geld ab und zu mal was Süßes mitzubringen, und es ist schön, wie sich alle darüber freuen. In der Stunde vor Öffnung sauge ich immer zuerst durch, mache danach am Freitag immer die Toiletten frisch. Zum Glück passiert dort eher selten ein Malheur. Dann schalte ich den Kaffeeautomat ein (die alte Krücke muss ja erstmal eine viertel Stunde vorglühen, bis das Wasser warm ist), fahre die ganzen Computer hoch und melde die Internetsoftware an.

Zudem muss ich sagen, dass ich gerade durch das ganze Verhalten der Mitglieder - und vor allem von Damian Bednorz, Dieter Becker und natürlich auch den anderen Mitgliedern - wirklich angefangen habe, an meiner Sozialkompetenz zu arbeiten. Ich habe gelernt, dass man mit Freundlichkeit und auch Verständnis doch mehr bewirken kann als mit „dem Kopf durch die Wand“. Eine neue Erfahrung für mich, muss ich mir leider eingestehen. Es erfordert bei mir zwar noch einiges an Übung, aber das wird schon (hoffe ich). Ich bin, war einfach ein Mensch der relativ schnell aufgebraust ist. Zwar nicht im Sinne von gewalttätig, aber trotzdem fühle ich mich so immer besser und zufriedener mit mir, wenn ich genau das nicht mehr mache. Ab und zu bricht es zwar noch durch, aber ich bin sehr zuversichtlich, dass das dann irgendwann komplett überwunden ist.

Den Verdienst dafür muss ich absolut dem Freundeskreis zuschreiben. Wenn man nämlich mit Menschen umgehen darf, die psychische Probleme haben, und man sieht ,wie diese Menschen mit ihrer Krankheit umgehen, sollte man dankbar sein, dass es einem gut geht. Und man denkt darüber nach, ob das eigene Verhalten immer richtig und angemessen ist.

Aber wie gesagt, das habe ich auch erst durch die Patienten und den Freundeskreis gelernt.

Daher habe ich mich entschlossen, als Mitglied weiter zu machen. Was ich erreicht habe? Ich habe meine Stunden weg, bin jetzt im Besitz meines Mitgliedsausweises und habe meine erste Mitgliederversammlung mitgemacht. Und es macht immer noch genauso viel Spaß wie am Anfang.

Dank des Freundeskreises und der Patienten habe ich wirklich viel für mich dazugelernt.

Danke dafür, Euer

 O.B.

Nach Weisung des Amtsgerichtes oder der Bewährungshilfe ist es möglich bei uns Sozialstunden (gemeinnützige Arbeitstunden) abzuleisten. Wir haben seit Jahren Erfahrung damit und sind den Menschen danbkar, die viele Stunden Einsatzzeit bei uns verbringen.

Erfahrungsbericht zum Ableisten von Sozialstunden im Freundeskreis

Rechtsgrundlage

Sozialstunden sind eine Form der Auflage, welche ein Richter auswählen kann, "um der Genugtuung für das begangene Unrecht zu dienen." (§56 StGB) In Form eines Bewährungsbeschlusses wird durch das Gericht bekannt gegeben, bei welcher Einrichtung sich der Delinquent für die Ableistung seiner Auflage (sprich Sozialstunden) wenden soll.

Ablauf

Zunächst ist eine Kontaktaufnahme mit unserem Vorstand (Mo-Fr 8-12, Tel. 06175.484 9999 9) zwecks Terminvereinbarung notwendig (persönlich, schriftlich oder telefonisch).

Eine Bewerbung mit Lebenslauf ist erforderlich.

In einem ersten gemeinsamen Gespräch werden Fragen erörtert, Vereinbarungen getroffen und Organisatorisches geklärt. Ebenfalls wird geklärt, in welcher Form die Stunden geleistet werden, hierfür bieten wir ein weites Tätigkeitsfeld. Nach erfolgreicher Ableistung der Sozialstunden wird das zuständige Amtsgericht oder die Bewährungshilfe schriftlich darüber informiert und erhält einen abschließenden Bericht.

Anerkannte Stelle für Sozialstunden

Bezüglich der Ableistung von gemeinnützigen Arbeitsstunden ist der Verein bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt und diversen Gerichten im Landkreis offiziell registriert.

Wir bescheinigen nach Vorstellungsgespräch und Klärung offener Fragen zum Einsatz in unserem Verein die tatsächlich abgeleisteten Arbeitsstunden. Krankheitszeiten und sonstige - auch entschuldigte - Fehlzeiten sind nicht anrechenbar.

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